Yonaguni - Versunkene Welt


By admin - Posted on 11 April 2009

Treppen ins Nichts

Vor Japans Küste liegt ein 10 000 Jahre altes Felsmonument unter Wasser - Relikt einer bislang unbekannten Superzivilisation?

Bei strahlend blauem Himmel ging das Expeditionsschiff nahe der südjapanischen Insel Yonaguni vor Anker. Wolf Wichmann, Diplomgeologe aus Seevetal bei Hamburg, zwängte sich in den Neoprenanzug, steckte Hammer und Zollstock in den Gürtel. Dann sprang der Gesteinsexperte, gut 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, rücklings in die Tiefe. Kaum im Wasser, blickte der Experte auf eine Kulisse wie in einem Fantasy-Film. Unter ihm erhob sich ein gestufter, rund 25 Meter hoher Turm am Ozeangrund. Der Froschmann glitt an mit Algen bewachsenen Plattformen und Terrassen vorbei, er inspizierte Treppen und Felsblöcke, die aussehen, als wären sie mit der Diamantsäge geschnitten worden. Was für ein Architektur-Alien liegt da in Japans Hoheitsgewässern? »Ältestes Bauwerk der Welt', "Atlantis im Pazifik", "eine der größten Entdeckungen in der Geschichte der Archäologie" - seit Monaten schon sorgt das mysteriöse Monument für Schauder und Schlagzeilen. Rund 200 Meter ist der Sandsteinblock lang, sein oberstes Plateau reicht bis fünf Meter unter die Wasserlinie. Expertenschätzungen zufolge soll die Struktur vor rund 10 000 Jahren langsam im Ozean versunken sein. Bereits im Jahr 1986 war die Pyramide von dem Sporttaucher Kihachiro Aratake aufgespürt worden. Beim Erstellen einer Tauchkarte entdeckte er, 250 Meter von der Insel entfernt, eine Felsmasse, deren Steinhänge "wie Schlossmauern emporragen". Die Anlage wirke "wie ein Tempel aus dem Reich der Inka", berichtete der Mann. Furcht und Ergriffenheit" hätten ihn gepackt: "Ich dachte, ich habe etwas Unmögliches gesehen." taucher Unterseeische Gesteinsformationen von Yonugani : Kulisse wie im Fantasyfilm Da könnte was dran sein. Vor 10 000 Jahren trollten sich allenfalls primitive Jäger und Sammler an Nippons Gestaden. Wer also schuf das Bauwerk? Japans Meeresforscher geben sich ratlos. "Unwahrscheinlich, daß es etwas Natürliches ist", behauptet der Ozeanograf Teruaki Ishii aus Toldo. Masaaki Kimura, Meeresforscher an der Ryukyus-Universität (Okinawa), spricht von einem "Meisterwerk". Er hält den Sandstein für ein Heiligtum, erbaut von einer bislang unbekannten "neuen Kultur" mit hochstehenden technischen Fertigkeiten. Aber welcher? Die Debatte aus Fernost hat auch im Westen Neugierde geweckt. Spökenkieker fühlen sich vom Iseki Point" ("Ruinenpunkt") magisch angezogen. Anfang 1998 schwamm der Geologe Robert Schoch (er hält die Sphinx in Ägypten für ein Bauwerk der Atlanter) zur Fundstelle hinab und erklärte sie für" äußerst interessant". Auch der Vorzeit-Guru und Bestsellerautor Graham Hancock recherchierte vor Ort. Nach einem Ausflug ins Submarine notierte er Am Fuß des Monuments sei "ein klar definierter Weg" zu erkennen. Solche Angaben mag der Gesteinsexperte Wichmann nicht bestätigen. Begleitet von einem Team von SPIEGEL TV, ging er in dem von Tsunamis bedrohten Küstengebiet erneut auf die Suche. Bei insgesamt drei Tauchgängen sammelte er Gesteinsproben, vermaß Treppenstufen und vermeintliche Mauerwerke. Dann schnappte der Geologe ernüchtert nach Luft: "Ich kann nichts Künstliches entdecken." Bei der Inspektion zeigte sich, daß der "gigantische Tempel" (Aratake) nichts anderes ist als ein Sedimentblock, von der Natur erschaffen. Der Sandstein ist von vertikalen Rissen und horizontalen Klüften durchzogen. Alle 90-Grad-Winkel und Stufen sind an diesen Bruchzonen entstanden. Die oben liegenden Plateaus deutet Wichmann als typische "Schorren": "Solche planen Flächen entstehen, wenn Sedimentgestein direkt in der Brandung liegt." Suggestive Detailbilder mögen anderes nahe legen, in der Gesamtansicht dagegen wirkt der Felsklotz wie ein Bauwerk aus der Sandkiste - keine Spur von planvoller Architektur (siehe Grafik). Die Plateaus haben Gefälle, keine Wand steht im rechten Winkel. Einige Treppen enden im Nichts; andere winden sich wie schiefe Hühnerleitern.  Spuren einer mechanischen Bearbeitung weisen die Steinblöcke nicht auf. "Wären die Quader mit Werkzeugen behauen worden, müßten sie mit Riefen und Schrammen übersät sein", erläutert Wichmann. Drei kreisrunde Vertiefungen auf dem obersten Plateau, von Kimura als Säulenfundamente gedeutet, sind nichts als "Strudellöcher". Diese entstehen, wenn Wasser unter Druck durch Engstellen spült. Solche Fakten dürften das derzeit grassierende Mystery-Fieber kaum eindämmen. Im Weltbild der Archäo-Phantasten spielt das Yonaguni-Monument längst eine Schlüsselrolle. "Wir fanden uns an der Öffnung eines steinernen Bogengangs", vermeldet keck ein Team Atlantis" im Internet. Auf anderen Webseiten wird der Fels zu einem "zeremoniellen Zentrum mit breiten Promenaden, flankiert von Pylonen" hochgelogen. Der Ozeanograf Kimura unterfüttert solche Thesen mit immer neuen Forschungsergebnissen. Mittlerweile hat er in der Inselwelt um Okinawa weitere unterseeische Fundstellen ausgemacht. Algenbewachsene Kegel und Felsgerippe werden zu "Boulevards", Tempelräumen und Altären erklärt. Die Medien nehmen an dem DeutungsAbrakadabra gern Anteil. In Japan gilt Yonaguni längst als Nabel der Welt und neues Urzeit-Mekka. Bierhersteller sowie die Japan Airlines machen mit dem fernöstlichen Unterwasserbabylon Werbung. Die Fernsehsender CNN und Channel Four waren bereits mit Kameratrupps vor Ort. Nun wollen auch die Fachleute der BBC den Wunderfels ergründen. Die Einwohner von Yonaguni sehen dem Rummel mit Freuden entgegen. Der Entdecker des Monuments, Kihachiro Aratake, fühlt tiefe Genugtuung über den Ansturm auf sein Heimatinselchen. "Es freut mich, dass alle, sogar Ausländer, herkommen", strahlt der Pionier. Ganz selbstlos ist die patriotische Hochstimmung nicht. Der Mann betreibt auf der Insel einen großen Tauch-Shop. Seine Eltern besitzen dort ein Hotel. skizze Der terrassierte Monolith, von außen wie eine Tempelanlage wirkend, trägt deutliche Merkmale einer natürlichen Erosion. Vor rund 8000 Jahren, nach dem Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher wurde der Felsblock vollends vom Meer überflutet. Zuvor war er starker Brandung ausgesetzt. Der Sandstein ist von horizontalen und vertikalen Rissen durchzogen. Die vermeintlich von Menschen geschaffenen Treppen und Blöcke sind im Laufe von Jahrtausenden entlang dieser Schwachstellen im Gestein abgeplatzt.

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  • Der ursprüngliche Bericht der diesem Artikel zugrunde liegt, fand sich in einer Spiegelausgabe.
  • Wikipedia

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